Der Cyber-Versicherungsmarkt 2026 zeigt ein Paradoxon: Während sich große Teile des Marktes in einer ausgesprochen weichen, käuferfreundlichen Phase mit sinkenden Prämien befinden, verschärfen einzelne Versicherer bei schwachen oder komplexen Risiken weiterhin gezielt ihre technischen Mindestanforderungen. Für Versicherungsmakler bedeutet das: Pauschale Aussagen über „die Marktlage“ greifen zu kurz – entscheidend ist, welcher Anbieter mit welcher Prüftiefe hinter dem jeweiligen Angebot steht.
Ein weicher Markt mit zwei Geschwindigkeiten
Marktdaten zeigen sinkende Cyber-Prämien, getrieben durch neue Kapazitäten, zusätzliche Marktteilnehmer (MGAs, Syndikate) und aggressive Wachstumsziele der Versicherer. Auch am deutschsprachigen Markt bestätigen Makler-Panels, dass sowohl Cyber- als auch D&O-Versicherung derzeit „weich“ sind, mit reichlich Kapazität und ohne akute Zeichnungsprobleme selbst bei komplexeren Risiken. Eine BaFin-Analyse verweist zusätzlich auf Marktsättigung und sinkende Rückversicherungskosten als Treiber der günstigeren Konditionen.
Gleichzeitig ist diese Phase nach übereinstimmender Expertenmeinung fragil: Steigende Schadenquoten, eine wachsende Kluft zwischen sinkenden Prämien und zunehmender Schadenschwere sowie erste Prognosen, die für 2026 wieder zweistellige Prämienanstiege erwarten, deuten auf eine mögliche Marktwende hin. Die Situation wird auch als Markt beschrieben, der sich „der Preisuntergrenze nähert“, in dem Underwriter zunehmend nach Risikoqualität differenzieren statt primär auf Kundenbindung zu setzen. Für Makler folgt daraus eine wichtige Einordnung: Der weiche Markt begünstigt aktuell vor allem gut geführte, technisch saubere Risiken – bei schadenbelasteten oder sicherheitstechnisch schwachen Kunden bleibt die Zeichnungsbereitschaft deutlich vorsichtiger, und Auflagen zur Risikoverbesserung spielen dort weiterhin eine gewichtige Rolle.
Die zweite Realität: Underwriting per externem Scan statt Fragebogen
Parallel zur Marktentwicklung hat sich die Art der Risikoprüfung selbst diversifiziert. Ein wachsender Teil der Versicherer und MGAs verlässt sich – gerade im weichen, wettbewerbsintensiven Marktumfeld und speziell im KMU-Segment – primär oder ausschließlich auf automatisierte externe Attack-Surface-Scans, ohne bei positivem Ergebnis vertiefte technische Rückfragen zu stellen. Anbieter wie BitSight, SecurityScorecard, cysmo, Carpe Cyber oder LocateRisk liefern dafür innerhalb von Minuten einen automatisierten Sicherheitsbericht auf Basis öffentlich sichtbarer Merkmale – etwa offene Ports, SSL/TLS-Konfiguration, E-Mail-Authentifizierung (SPF/DKIM/DMARC), bekannte Schwachstellen in extern erreichbaren Systemen und Darknet-Exposition von Zugangsdaten.
Für Makler ist dabei ein zentraler Punkt praxisrelevant: Ein positives Scanergebnis kann bei manchen Anbietern faktisch als ausreichender Nachweis gelten und ersetzt dann den tiefen technischen Fragebogen zu MFA-Durchsetzungsgrad, EDR-Abdeckung auf Serverebene oder Backup-Immutability weitgehend. Das liegt daran, dass Outside-In-Scans naturgemäß nur die von außen sichtbare Angriffsfläche erfassen, nicht jedoch interne Kontrollen wie die tatsächliche MFA-Durchsetzungsquote, EDR-Rollout auf Endgeräten oder die Qualität eines Incident-Response-Plans. Ein Kunde mit makelloser externer Fassade (gültige Zertifikate, korrekt konfigurierte DNS-Einträge) kann so unter Umständen eine Cyber-Deckung erhalten, obwohl intern wesentliche Kontrollen wie unveränderliche Backups oder eine konsequente MFA-Pflicht fehlen. Andere, tendenziell konservativere Anbieter nutzen die Scan-Ergebnisse dagegen nur als „Check and Collect“-Instrument, um Fragebogenantworten zu plausibilisieren, und fordern bei Abweichungen aktiv Nachbesserungen oder zusätzliche Nachweise ein.
Was das für die Marktpraxis 2026 bedeutet
In der Konsequenz existieren 2026 im Markt mindestens drei unterschiedliche Prüfungslogiken parallel, die Makler kennen und im Kundengespräch unterscheiden sollten.
| Prüfungsansatz |
Typisches Vorgehen |
Risiko für den Kunden |
| Reiner externer Scan |
Automatisierter Outside-In-Scan; bei einem positivem Ergebnis keine weiteren technischen Rückfragen |
Interne Schwächen (fehlende MFA-Durchsetzung, unzureichendes EDR, keine immutable Backups) bleiben unentdeckt und können im Schadenfall zu Deckungsproblemen oder Anfechtung führen, wenn die Versicherungsbedingungen nicht ausreichend geprüft wurden. |
| Kombinierter Ansatz |
Externer Scan als Plausibilisierung, ergänzt durch klassischen Fragebogen und ggü. Abweichungen gezielte Nachfragen |
Moderates Risiko; Inkonsistenzen zwischen Scan und Selbstauskunft werden meist vor Vertragsschluss aufgedeckt. |
| Vollständiges technisches Underwriting |
Umfassender Fragebogen, teils mit Nachweispflicht (Enrollment-Reports, Restore-Test-Protokolle, SOC-Nachweise), z. T. Risikodialoge mit dem Sicherheitsteam |
Geringstes Risiko für Deckungslücken, aber höherer Aufwand und strengere Ablehnungspraxis bei fehlenden Nachweisen |
Diese Heterogenität ist für Makler doppelt relevant. Erstens eröffnet sie im aktuellen weichen Markt taktischen Spielraum: Kunden mit Nachholbedarf bei internen Kontrollen lassen sich unter Umständen bei Anbietern platzieren, die primär auf externe Scans setzen, ohne dass die Deckung an vertieften technischen Nachweisen scheitert. Zweitens birgt genau dieses Vorgehen ein strategisches Risiko, das im Beratungsgespräch offen angesprochen werden sollte: Ein reiner Scan-Fokus bewahrt zwar kurzfristig den einfachen Vertragsschluss, verschiebt eine mögliche Deckungslücke aber in den Schadenfall, wenn sich dort herausstellt, dass zentrale, im Antrag unterstellte Kontrollen (MFA, immutable Backups) faktisch nicht bestanden – hier ist sicherzustellen, dass eben diese technischen Obliegenheiten nicht in den Bedingungswerken verankert sind.
Technische Mindeststandards bleiben der sicherste Anker
Unabhängig davon, welcher Prüfungslogik ein Versicherer folgt, bleibt der Aufbau echter, dokumentierbarer technischer Kontrollen der robusteste Weg, um sowohl im weichen als auch in einem sich potenziell verhärtenden Markt gut positioniert zu sein. Fünf Kontrollbereiche gelten weiterhin branchenübergreifend als de-facto-Mindeststandard, unabhängig davon, ob ein einzelner Versicherer sie im Antragsprozess explizit abfragt oder primär über einen Scan ableitet.
| Kontrollbereich |
Mindeststandard 2026 |
Erforderlicher Nachweis |
| MFA |
App- oder hardwarebasiert auf E-Mail, VPN, Admin- und Cloud-Konten; SMS gilt bei privilegierten Konten oft nicht mehr als ausreichend |
Enrollment-Report des Identity Providers, Abdeckungsquote möglichst nahe 100 Prozent |
| EDR |
Verhaltensbasierte Lösung auf allen Endgeräten inkl. Server, im Idealfall 24/7-Monitoring |
Deployment-Report, Alert-to-Action-Zeiten, SOC/MDR-Nachweis |
| Backups |
Unveränderlich, isoliert, vollständig |
Datum des letzten erfolgreichen Restore-Tests, Immutability-Konfiguration |
| Patch-Management |
Dokumentierter Prozess mit definierten Fristen, kritische Patches idealerweise binnen 14/30 Tagen |
Nachweisbarer Prozess, keine reine Absichtserklärung |
| Incident-Response-Plan |
Schriftlich, idealerweise mit regelmäßiger Tabletop-Übung getestet |
Dokument mit Eskalationsstufen, externen Kontakten (Forensik, Rechtsanwalt) |
Auch die eigene externe Angriffsfläche – gültige SSL/TLS-Zertifikate, korrekt konfigurierte SPF/DKIM/DMARC-Einträge, geschlossene unnötige Ports, keine offen erreichbaren RDP-Zugänge – sollte proaktiv geprüft werden, da genau diese Merkmale in scanbasierten Prüfungen unmittelbar sichtbar sind und über die Annahme entscheiden können.
Strategischer Nutzen für Makler im Kundengespräch
Für Versicherungsmakler ergibt sich aus dieser zweigeteilten Marktrealität eine differenzierte Beratungslogik. Im aktuellen weichen Markt lohnt es sich, gezielt zu prüfen, welcher Anbieter für welches Kundenprofil die passende Prüftiefe bietet – ein technisch noch nicht optimal aufgestelltes KMU kann bei einem scanbasiert prüfenden Versicherer unter Umständen leichter und günstiger Deckung finden, während ein Kunde mit bereits robusten internen Kontrollen von einem klassischen, nachweisorientierten Underwriting eher profitiert, weil sich gute Sicherheitsarbeit dort direkt in Konditionen niederschlägt.
Gerade bei den kurz laufenden Cyberpolicen ist nicht auszuschließen, dass Versicherer, welche nun offensiv Cyber-Deckungen ohne eingehende Prüfung einsammeln, in einem kommenden Renewal dann doch zum Schluss kommen, weitere Prüfungen vorzunehmen – insbesondere wenn die Schadensentwicklung zeigt, dass der Underwriting-Ansatz hier eine negative Risikoselektion zur Folge hatte.
Makler müssen ihre Kunden transparent darauf hinweisen, dass ein positiver externer Scan keine Garantie für tatsächlichen Versicherungsschutz im Schadenfall darstellt, wenn zentrale interne Kontrollen wie MFA-Durchsetzung oder immutable Backups im Bedingungswerk als Obliegenheit formuliert werden.
Eine strukturierte Vorab-Prüfung anhand der oben dargestellten Kontrollbereiche – unabhängig von der jeweiligen Prüflogik des Zielversicherers – bleibt daher das wirksamste Instrument, um Kunden nicht nur für die aktuelle Marktphase, sondern auch für eine mögliche Marktverhärtung robust aufzustellen. Wer als Makler diese Doppelstrategie – Marktbeobachtung plus technische Substanzprüfung – beherrscht, positioniert sich beim Kunden als Partner, der über die reine Policenvermittlung hinaus echten Mehrwert im Risikomanagement liefert.